«An der Wand und auf einer Tribüne frontal zum langen Kellergeschoss des UG sitzen die Zuschauer. Ganz hinten quer zum Geschehen spielt das Kammerorchester der Jungen Philharmonie Zentralschweiz. Am Boden sind überall Europaletten verstreut oder aufgestapelt. Die Akteure bewegen sich in hautnahem Kontakt zum Publikum, jede der neun Personen stellt sich schon während der Ouvertüre zur Schau, immer wenn das Thema erklingt, das sich auf seine Rolle bezieht. Sogleich wird klar, dass das nicht die «The Beggar's Opera» von John Gay und Johann Christoph Pepusch ist, die 1728 in London uraufgeführt wurde. Der Name von John Gay steht noch da, aber dazu Christian Kipper, der die Dialoge aktualisiert hat (mit deutlichen Seitenhieben auf Wirtschaft und Politik).
In der Tat kommt das, was Benjamin Britten nur ein Jahr nach seinem «Peter Grimes» 1948 komponierte, einer Neuschöpfung gleich. Hält man eine ältere Schallplatten-Aufnahme des Originals der Britten-Fassung entgegen, hört man, mit wie viel stärker als Pepusch (dieser ganz barock-harmonisch im Stil der Opera seria) er mit Farben arbeitet, wie viel härter er die Harmonik aufraut, wie sehr er die Szenen klangmalerisch illustriert und die Befindlichkeit der Figuren kommentiert. Die zwölf Musiker wechseln unter Andrew Dunscombe gekonnt zwischen gestischer Akzentuierung und eingängigem Songcharakter und treten. bei der famosen Szene, in der die Dirne Jenny Diver (Anna-Chiara Muff) Macheath verführt und seinen Häschern ausliefert, solistisch hervor. Dunscombe agiert zugleich als Komponist und Spielleiter, macht immer wieder Zwischenrufe und folgt damit der ursprünglichen Anlage, die auch bei der strikten Trennung von (englischen) Gesangsnummern und (hier deutschen) Dialogen gewahrt bleibt. Aus den Bettlern freilich sind smarte Figuren in modischer Kleidung geworden, die ihre Geschäfte mit dem Laptop abwickeln, nach aussen sich gutbürgerlich-moralisch geben, in Wahrheit aber skrupellos hinter dem Geld herjagen. (…)
Gesanglich und darstellerisch fällt keiner der neun Bachelor- und Master- Studenten ab. Die beiden mit Macheath verheirateten Sängerinnen der Polly (Annina Haug) und der Lucy (Rita Barmettler) bewältigen ihre wechselnden Gefühle sogar ausgesprochen furios, profitieren dabei in besonderem Masse von der Regiearbeit der Christine Cyris, die mehr Gewicht auf balladenhafte Erzählweise und Gefühlsechtheit als auf Parodie legt. Alles in allem eine über das Pädagogische hinaus durchaus sehens- und hörenswürdige Darbietung der Musikhochschule im Verein mit dem Luzerner Theater.»
Neue Luzerner Zeitung, 17.Februar 2012