Luzerner Theater West Side StoryMusical in zwei Akten nach einer Idee von Jerome Robbins Buch von Arthur Laurents, Musik von Leonard Bernstein, Gesangstexte von Stephen Sondheim Songs in englischer Sprache, deutsche Dialoge von Marcel Prawy Wiederaufnahme 14. September 2011 Die Uraufführung wurde inszeniert und choreografiert von Jerome Robbins. Die Original-Broadway-Produktion stammte von Robert E. Griffith und Harold S. Prince nach Übereinkunft mit Roger L. Stevens.
1597 veröffentlichte William Shakespeare mit «Romeo and Juliet» die berühmteste Tragödie der Literaturgeschichte, 360 Jahre später komponierte Leonard Bernstein mit «West Side Story» das bis heute berühmteste Musical. Der gemeinsame Nenner: Zwei junge Menschen aus verfeindeten Sphären begegnen und verlieben sich, sie beschliessen ein Leben zu zweit aller Widerstände zum Trotz und scheitern am Hass ihrer Umwelt.
Arthur Laurents verlegte das Geschehen aus dem Verona der Renaissance in die West Side des damals aktuellen New York. Leonard Bernstein wiederum fand für den Herzenstausch über Feindschaftsgräben eine Musik, die ausserhalb aller Konventionen steht: Sie verbindet verschiedenste Techniken und Elemente aus Jazz, Klassik und Unterhaltungsmusik, sie profiliert mit Hilfe von Stil und Motivik den Kontrast zwischen Liebes- und Gewaltsphäre, und sie fasst, indem sie Schauspiel, Gesang und Tanz gleichermassen zulässt, bedient und einfordert, alle dramatischen Künste zu einem «totalen Theater» zusammen – die ideale Herausforderung folglich für das einzige Dreispartenhaus der Zentralschweiz!
Die Übertragung des Aufführungsrechts für Luzern erfolgt in Übereinkunft mit Josef Weinberger Ltd., London, im Namen von Music Theatre International, New York. Vertretung für die Schweiz: Musikverlag und Bühnenvertrieb Zürich AG, Zürich.
GESPRÄCH
POETISCHE MOMENTE
Die Regisseurin Tatjana Gürbaca im Gespräch mit Christian Kipper
Die erste Broadway-Produktion (1957) und die Verfilmung (1961) der «West Side Story» haben eindrucksvolle Bilder hinterlassen, die heute noch die Erwartungshaltung des Publikums beeinflusst. Wie geht man bei einer Neuinszenierung mit diesem Erbe um?
Indem man sich davon nicht einschüchtern lässt. Ich habe den Film mehrmals gesehen, mir aber eine Distanz dazu bewahrt. Wir nähern uns dem Stück ganz unverkrampft und schauen, welche spannenden Aspekte es enthält, die wir sichtbar machen wollen. Ich denke, man packt die Zuschauer nicht mit der Kopie einer Kopie, sondern nur mit einem neuen, direkten, phantasievollen Ansatz.
Dieses Musical ist eine aufwendige Dreispartenproduktion. Allerdings stehen am Luzerner Theater nicht Musicaldarsteller zur Verfügung, sondern Ensemblemitglieder und Gäste aus Schauspiel, Oper und Tanz. Das klingt heterogen. Geht das zusammen?
Und wie! Das Heterogene ist ja in dem Stück bewusst angelegt: Jede Rolle verlangt einen der drei Aspekte in besonderem Masse. Gerade die Mischung führt zu einer enormen Bereicherung – nicht nur für das Stück, sondern auch für die Mitwirkenden. Jeder lernt von jedem das jeweils spezifische Können. Schon bei den Proben ist eine starke gegenseitige Befruchtung spürbar. Und das beflügelt auch mich!
Zu den «ererbten» Bildern im Kopf gehören auch die bunten Kostüme der 50er Jahre, jener Zeit, in der das Musical entstand. Wie sieht das Kostümbild in Luzern aus?
Entschieden anders! Das Ausstattungskonzept ist aus der Not geboren: Da das Stück viele Figuren verlangt – denken wir nur an die beiden Gangs –, wir aber nur eine mässig grosse Zahl an Mitwirkenden zur Verfügung haben, müssen bei uns immer alle mitspielen. Während alle Partien, die einen Namen tragen, immer gleich besetzt bleiben, können «namenlose» Jets auch mal zu «namenlosen» Sharks werden. Dementsprechend gibt es Grundkostüme, die je nach Situation mit Kleidungszusätzen individualisiert werden. Materialtexturen und Farben definieren die Gruppen, wobei es sich bewusst nicht um starke Kontraste handelt: Die Parteien sind so wie ihr Konflikt nicht klar fassbar.
Zu den Vorwürfen, die dem Stück – oft von Seiten der Opernfreunde – gemacht wird, gehört das grosse Pathos, die Nähe zu Sentimentalität und Kitsch. Angst davor?
Nein. Diese Gefahr lässt sich weginszenieren! Man muss das durchaus vorhandene Pathos ja nicht eins zu eins ausbuchstabieren. Viel interessanter und näher am Kern des Stückes ist es doch, die Kinderwelt, die sich die Liebenden basteln, in ihrer Zerbrechlichkeit zu zeigen. Die kleine Geste wirkt da mehr als die grosse. Und aus ihr wiederum können berührende und poetische Momente entstehen. Darauf kommt es mir an.
PRESSESTIMMEN
«Das Luzerner Sinfonieorchester bietet die Leistung, die man von seiner Klasse her erwartet. Mit einem wunderbar differenzierten Klang, der jede Nuance dieser atemberaubenden Musik zur Geltung bringt. (...) Eine Stärke der Inszenierung von Tatjana Gürbaca ist, dass einige Nebenfiguren profiliert werden. (...) Überhaupt bietet die Regie, die das räumliche Handicap annimmt und zuspitzt, einige schöne Einfälle. So wird das Geschehen ständig von beiden Seiten durch Chorleute beobachtet, eine Umsetzung der Grossstadt mit ihren vielen anonymen Augen und vielleicht der heutigen Facebook-Cyberwelt.»
Neue Luzerner Zeitung, 11.09.2011
«Sobald die Schauspieler, Tänzer und Sänger das Podest betreten, verwandeln sie sich in Jets, Sharks oder verliebte Protagonisten, und das mit einer Präzision, die schier atemberaubend ist. Die Choreografien von Kinsun Chan sind virtuos, wirblig und präzise und im Timing perfekt wie auch Gürbaca jede Nummer, jeden Auftritt im turbulenten Stück, das stark auf kontrastierende Stimmungen zwischen witzigen und emotionalen Momenten setzt, punktgenau von Anfang bis Ende detailreich führt. (...) Die Opernstimme von Simone Stock macht sich in der Rolle der Maria bestens, bis hin zum tragischen Ende, das sie ganz allein trägt und dabei weder aufgesetzt noch larmoyant wirkt. Wie sie vorher die schönen Songs der Maria trägt, begeistert ebenso wie die souveräne Art, in der Daniel Prohasaka den Tony singt.»
Die Südostschweiz, 11.04.2011
«Das lässt viel Raum fürs Wesentliche: für die Tanzaktionen auf der Bühne. Kinsun Chan hat aus den Luzerner Tänzerinnen und Tänzern, Sängerinnen und Sängern ein packendes Ensemble geformt, das choreografisch ein Höchstmass an Tanzleidenschaft, Sportgeist und Tempo bietet. Fast möchte man da nicht unterscheiden zwischen Sängern, die auch tanzen und Tänzern, die auch singen, weil im Grund alle alles können. Das Luzerner Sinfonieorchester spielt unter Rick Stengårds so knackig frisch und frech, als wäre es auf Bernsteins jazzoide Neuklassik spezialisiert. Am Ende viel verdienter Beifall für die höchst engagierte Produktion eines Stücks, das man eigentlich für nicht erneuerbar gehalten hatte, das aber in Luzern seine Überlebensfähigkeit auf der Stadttheaterbühne bewiesen hat.»
Basler Zeitung, 12.04.2011
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